„Nehmt einander an, ihr schrägen Vögel!“

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Genau so! (Foto: iStock)

Die Bekannte, die immer wieder mit einem neuen Typen ankommt, der Jugendliche, der nach dem Abitur erstmal gar nichts macht und danach überlegt, was er vielleicht tun will, der Nachbar, der nie zuhause ist, oder die Freundin, die die Haare jetzt giftgrün trägt und sich auch so verhält – ich nenne solche Leute „schräge Vögel“ (Bin mir allerdings unsicher, ob das politisch korrekt ist.) Ein gewisse Bewunderung schwingt in meiner Bezeichnung dabei durchaus mit für Leute, denen es zunächst einmal egal ist, was andere von ihnen denken, und die einfach ihren Weg gehen.

Solche „schrägen Vögel“ erinnern auch daran, dass es uns Menschen nicht nur in bunter Vielfalt und Lebensstilen gibt, sondern dass Gott das auch so gewollt hat. Schon im Stall zu Bethlehem versammelt sich beim Krippenspiel eine bunte Schar von suspekten Naturburschen bis hin zu würdevollen Königen vor einer jugendlichen Maria, die mit einem alten Mann verheiratet ist. (Ob das historisch genauso war, wissen wir nicht, aber es wird so jedenfalls gerne so dargestellt.)

Gott nimmt uns alle an, wie wir sind. Deswegen sei auch in der Kirche ein Loblied auf die Vielfalt gesungen: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat!“

Predigttext am Sonntag, 16. Dezember 2018, ist Römerbrief 15, 4-13.

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Ist Hoffnung von Übel?

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Die Büchse der Pandora – Symbol des Ursprungs allen Übels. (Foto: MT)

Vielleicht kennen Sie die Büchse der Pandora, eine Kiste, von der die griechische Mythologie erzählt. Sie wird aus Versehen von einem Mann geöffnet, und daraufhin verbreiten sich alle Übel der Welt: Krankheiten und Leid. Der Mann schließt die Kiste schnell wieder, so dass etwas zurückbleibt: Die Hoffnung.

Ist Hoffnung also auch ein Übel? Der Mythos ist hier widersprüchlich, so widersprüchlich, wie auch die Hoffnung ist. Die einen erzählen, dass Pandora die Büchse dann noch einmal öffnet, so dass nach all dem Übel auch die Hoffnung in die Welt kommt. Später ist für den Philosophen Friedrich Nietzsche Hoffnung das schlimmste aller Übel, weil es verhindert, dass wir die Welt so akzeptieren, wie sie ist.

Was meinen Sie: Ist Hoffnung also ist ein fragwürdiges Geschenk?

Ich möchte da widersprechen. Kein Mensch kann doch ohne Hoffnung leben. Einem Menschen, der der Verzweiflung nahe ist, die Hoffnung zu nehmen, ist doch das Schlimmste, was man ihm antun kann. Und vielleicht ist Hoffnung sogar das Red Bull der Seele: Hoffnung verleiht Flügel. Sie weckt Sehnsüchte und Träume und macht, dass wir ihnen nachgehen.

Hoffnung betäubt nicht, sondern belebt.

Predigttext am Sonntag, 9. Dezember 2018, ist Jesaja 35, 3-10.

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Ein Lob der Lächerlichkeit

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Erträgliche Leichtigkeit durch Lächerlichkeit (Foto: wikicommons/lizenzfrei)

Sie kennen vielleicht die Fotoshootings, für die man als Tourist auf einen Esel gesetzt wird. Ich weiß nicht: Ein Elefant oder Kamel mag ja noch exotisch-imposant sein, aber ein Esel wäre mir peinlich, zumal es dem Tier mit meinem Gewicht auch nicht gut ginge. Aber ich denke da eher an mich, wie lächerlich das aussehen würde; dann lieber zu Fuß.

Oder darf man als Erlöser lächerlich auf einem Esel daherkommen? Muss man vielleicht sogar? Wenn ich an die inzwischen allgegenwärtigen religiösen Fanatiker denke, die mit ihrem ernsthaften „Glauben“ zu einer Seuche der ganzen Welt geworden sind, weiß ich, dass Erlösung nur in der Leichtigkeit liegen kann, im Humor, in der Gelassenheit. All das zeigt sich in der Fähigkeit, über sich selbst lachen und sein Erscheinungsbild lächeln zu können. Und sich eher kleiner als groß zu machen.

Jesus kam auf einem Esel nach Jerusalem geritten und die Leute haben ihn wie einen König empfangen. Ich bin sicher: Man hat damals gelächelt bei aller Freude über den Erlöser.

Predigttext am 1. Adventssonntag, 2. Dezember, ist Matthäus-Evangelium, Kapitel 21, Verse 1 bis 11.

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Gedanken zum Totensonntag

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Am 25. November ist Totensonntag (Foto: iStock)

Wozu Kirche und Religion gut sind? Vielleicht auch dazu, dass sie sich dem Thema Leid und Tod stellen. Niemand redet davon gerne oder denkt gerne daran, aber das, was im Leben an Finsternis möglich ist, zu ignorieren, ist genauso wenig sinnvoll, wie auf Allgemeinplätze zurückzugreifen. Immerhin kann man der Religion zugute halten, dass sie sich seit tausenden von Jahren dem Thema stellt und es durchdacht hat. Und dass Menschen dadurch Trost gefunden haben, der ihnen Leben ermöglichte. Darauf kann man auch selbst aufbauen.

Niemand weiß, was nach dem Tod kommt, und niemand kann beweisen, dass das Leben sinnvoll ist. Aber der gläubige Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal hat zu einer Wette eingeladen, deren Ergebnis deutlich macht, dass es in jedem Fall sinnvoller ist, zu glauben, als nicht zu glauben. Wer glaubt mag sich täuschen, aber er führt in jedem Fall ein erfülltes Leben. Wer nicht glaubt, mag am Ende recht haben, aber ein Leben zu führen, das ich als sinnlos empfinde, möchte ich mir nicht vorstellen müssen.

Das macht Leid nicht leichter und den Tod nicht erträglicher – aber es hält einen fest, wenn alles wankt. Es ist gewiss, dass weder Tod noch Leben uns vom Grund unseres Seins, von Gott trennen können.

Predigttext am Ewigkeitssonntag, 25. November 2018, ist Jesaja 65, 17-25 (in Auszügen).

Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Kein Boden unter den Füßen

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November-Feeling (Foto: Treiber)

Alles gut heute? Ich hoffe, Sie können dazu ja sagen. Der November mutet uns uns allerdings auch dunkle Gedanken zu, Wege zum Friedhof wie auch den Herbstblues, wenn es morgens noch dunkel ist und nachmittags schon wieder. Und selbst die Halloween-Späße klingen noch nach mit ihrem mahnenden Unterton des Memento mori: Denke daran, dass du sterblich bist!

Der christliche Glaube hat diese Situation nie beschönigt. Schon alleine deshalb, weil ihr Begründer Jesus von Nazareth getötet wurde wie auch fast alle der ersten Anführer der Kirche von Petrus bis Paulus.

Im Dunkel stecken bleiben, wollte man allerdings nie, im Gegenteil. Die Konsequenz aus dem Dunkel lautet, die Lichter der Gegenwart nicht zu übersehen: Die Liebe, die es gibt; das Schöne, das wir sehen und das Gefühl, dass unser Leben sinnvoll und gehalten ist, auch wenn wir da nicht immer so sicher sind.

Gott lässt uns nicht los. Auch dann nicht, wenn wir keinen Boden mehr unter den Füßen spüren.

Predigttext am Sonntag, 18. November 2018, ist Offenbarung Kapitel  2, Verse 8-11.

Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Kann man Optimismus lernen?

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Optimismus ist möglich, wenn man einzelne schlechte Erfahrungen nicht verallgemeinert, sondern weiter nach vorne blicken kann. (Foto: iStock) 

Kann man Optimismus lernen? Der Psychologe Martin Seligman behauptet das. Ausgangspunkt für ihn war das Gespräch mit einem Nebensitzer im Flugzeug, dem allerhand Schlimmes widerfahren war, beruflich und privat. Trotzdem hatte er eine positive Grundhaltung behalten. Seligman fragte daraufhin, was uns niedergeschlagen werden lässt und kam unter anderem auf den Gedanken der „erlernten Hilflosigkeit“. Wenn wir uns Situationen machtlos ausgeliefert fühlen, geraten wir schnell in Verzweiflung. Seligmans Verhaltenstherapie kann dagegen gute Erfolge in der Behandlung von depressiven Stimmungen vorweisen.

Ein Schritt dabei kann sich jeder merken: Man soll nicht verallgemeinern. Man sage nicht „Immer habe ich Pech,“ sondern „Das ist heute aber schief gegangen.“ Es gilt nicht „Niemand mag mich“, sondern „Mit den Leuten hier kann ich nicht so viel anfangen.“

In allen schlechten Erfahrungen Resilienz zu zeigen, wie es andere Psychologen nennen, also sich vom Schlechten nicht herunter ziehen zu lassen, ist das Geheimnis Hiobs, über den am kommenden Sonntag zu predigen ist. Aus dem Glauben an Gott, dessen Ferne auch Hiob zuweilen nicht versteht, gewinnt er die Hoffnung, dass der Tag kommt, an dem alles gut wird.

Manche mögen das naiv nennen; ich würde sagen, dieser Glaube ist hilfreich und gibt die Kraft, die optimistisch in die Zukunft blicken lässt.

Predigttext am Sonntag, 11. November 2018, ist Hiob 14, 1-6.

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Mensch sein heißt frei sein

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Freiheit hat man von Natur aus – hier etwas drastischer formuliert…. 

„Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit.“ Diese Sätze von Thomas Jefferson aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung sind wahrscheinlich nach der Bibel die wichtigsten Worte, die je geschrieben wurden. Freiheit ist der Kern des Menschseins. Freiheit bekommen wir nicht von anderen, sondern wir sind mit unserer Freiheit von Gott geschaffen, und wenn man uns Freiheit vorenthält, müssen und dürfen wir sie uns einfach nehmen – ohne zu fragen.

Die Gefahr heute ist allerdings eher, dass wir gar nicht merken, wie bedroht die Freiheit ist: Von autoritären Staatschefs ebenso wie von der Gleichgültigkeit. Und von den rechten Hetzern und dem roten Mob natürlich sowieso.

Die Kirche stand politisch häufig nicht auf der richtigen Seite, das wird man zugeben müssen, – aber der christliche Glaube hatte stets Recht mit seiner Betonung der Nächstenliebe und der Erkenntnis, dass der Glaube vor allem anderen befreit. So steht es im Predigttext des kommenden Sonntags: „Christus hat uns befreit. Und in Christus gilt nur der Glaube, der sich in der Liebe zeigt.“

Predigttext am Reformationsfest, das in den meisten Kirchen am Sonntag, 4. November 2018, gefeiert wird, ist Galaterbrief 5, 1-6.

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