Der Knechtische Geist im Populismus

Kanzel der Matthäuskirche (Detail)

Der Höllenhund, der einen wie einen Knecht gefangen halten will, ist unter der Kanzel in der Matthäuskirche gefangen durch das Wort Gottes, das jeden Sonntag in Sontheim verkündigt wird.

Meinen, dass andere einem die Probleme lösen? Andere nachlaufen ohne selbst zu denken? Furcht zu haben vor allem, was anders, neu oder fremd ist? Wer so ist, hat laut Bibel einen „knechtischen“ Geist. Das klingt altertümlich, beschreibt aber ziemlich genau, was manche empfinden, die auf die heutigen Populisten hereinfallen. In einer komplizierten Welt sucht man einfache Lösungen. Die allerdings machen weder glücklich noch lösen sie die Probleme. „Knechtischer Geist“ führt in die Sackgasse und beseitigt keine Furcht.

Der Apostel Paulus preist als Gegensatz dazu den „kindlichen“ (nicht: kindischen) Geist an. Wer trotz aller Probleme, die einen manchmal umzingeln, Halt findet im Glauben und im Vertrauen auf Gott, der ist „Kind Gottes“. Er weiß: Ich muss kein Übermensch sein und mich alleine durch die Welt schlagen, sondern ich darf schwach sein und Fehler machen  – und billige das auch anderen zu.

Das Reich Gottes beginnt nicht, wenn alle Probleme weg sind, sondern wenn wir anfangen zu lieben.

Predigttext am Sonntag, 28. August 2016, ist Römerbrief 8, 12-17.

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Liebe – der Grund des Lebens

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(Foto: iStock)

Wenn Religionen miteinander Krach haben, ist es meistens ein völlig sinnloser Streit. Ob man als Bild für Gott – und alles, was man von Gott sagt, ist bildhaft gemeint – das Eine oder das Andere nimmt, ist Geschmacksache, sprich: Es muss einen ansprechen. Ob man Gott dann als Mann oder Frau, als Gedanke oder Herrscher darstellt, entscheidet sich daran.

Nur in einem Punkt hat sich die Bibel ziemlich unmissverständlich festgelegt: Gott ist die Liebe. Das wird dort nicht nur so behauptet und festgestellt, sondern vor allem auch erzählt. Wie Gott ist, hat Jesus gelebt. Davon geht der christliche Glaube aus. Und Jesus hat die Menschen geliebt und Liebe in der Welt gelebt.

Nicht die Auserwählten und die Fanatiker sind bei Gott, sondern man ist Gott immer dann nahe, wenn man liebt. Und das sage ich nicht nur als Glaubenssatz, sondern das empfinde ich so: Wenn ich liebevoll bin, bin ich Gott nahe, bin ich mit dem Sinn und Grund meines Lebens verbunden.

Predigttext am Sonntag, 21. August 2o16, ist 1.Johannesbrief 4, 7-16.

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Nix mehr mit „midlife crisis“

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Männer geraten heute kaum noch in die Midlife Krise, sagt man (Foto: iStock)

Es ist alles geregelt, alles in festen Bahnen und kaum noch Chancen auf Veränderung – damit hat man die midlife crisis erklärt, in die Männer ab 40 geraten, wenn sie spüren, dass in ihrem Leben inzwischen das meiste festgelegt ist und die Änderungsmöglichkeiten gering geworden sind. Diese Krise in der Lebensmitte gebe es aber gar nicht mehr, las ich kürzlich, weil auch Männer über 40 heute noch genügend Veränderung erfahren – als Väter und im Beruf, wo nichts mehr auf Lebenszeit sicher ist.

Das gegenteilige Schicksal erwischt zwar auch nicht jeden, aber doch immer mehr: Dass sich das Leben auf einen Schlag ändert. Plötzlich muss man sich konkrete Gedanken um die Kinder und die eigenen alten Eltern machen; plötzlich sitzt man selbst nervös auf dem Krankenhausgang und wartet auf einen Befund; plötzlich geht es mit der Firma bergab oder man findet eine bessere Stelle in einer anderen Stadt – und, recht häufig, plötzlich ist es mit der Ehe oder Partnerschaft zu Ende und man muss für sich einen neuen Anfang finden.

Plötzlich kann alles ganz anders sein. Im Nachhinein erscheint einem, wie dem Apostel Paulus, das, was vorher war, vielleicht sogar als falsch oder fade. Das muss aber nicht sein und es ist gewiss wichtiger, voraus zu blicken, als am Vergangenen zu kleben. Den Blick voraus erlebt der Apostel Paulus als Verheißung: Vor einem liegen die Möglichkeiten, es anders und besser zu machen, neue Ziele und neue Kraft zu finden.

Predigttext am Sonntag, 14. August 2016, ist Apostelgeschichte 9, 1-20.

Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10:30 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Der Himmel auf Erden

Children Playing

Foto: istockphoto • stevecoleimages • Atlanta, Georgia

„Ihr liebt das Leben – Wir lieben den Tod!“ haben die islamistischen Attentäter von Madrid 2004 geblökt. Ein Satz, so dumm wie präzise zugleich. Wir Christen lieben tatsächlich das Leben, denn „Gott hat uns lebendig gemacht“, wie es in der Predigt am Sonntag heißt. Er hat uns dieses Leben geschenkt, die Sonne, die uns weckt, das Baby, das uns entzückt, den Mut, der uns anspornt, die Zärtlichkeit, die uns das Paradies erahnen lässt.

Das dieser „Himmel auf Erden“, von dem in der Bibel auch die Rede ist, manchmal kaum zu spüren ist, wissen wir dabei nur allzu gut. Zu viel Leid, das Menschen einander bereiten; zu viel Dummheit, zu viel Hass, zu viel Gewalt. Und neben all dem, auch zu viel Ungewissheit und Angst in uns selbst.

Vollkommenheit dürfen wir offenbar nicht zum Maßstab eines schönes Lebens machen. Aber Gnade und Liebe sind es, die das Leben schön machen. Sie zu entdecken und wert zu achten, ist wohl der Beginn des „Himmels auf Erden“.

Predigttext am Sonntag, 7. August 2016, ist Epheserbrief 2, 4-10.

Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10:30 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Zwischenruf: Wir lieben das Leben

Gott ist die Liebe – und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
(1. Johannesbrief 4, 16)
„Amok“, „islamistischer Hintergrund“, „rechtsradikal“, „in psychiatrischer Behandlung“, „Terrorist“, „IS-Kämpfer“ etc. Ich denke, nicht, dass solche eine Differenzierung und die damit verbundene Frage nach einer verständlichen Ursache uns bei der Suche nach einer Haltung gegenüber den Attentaten sehr weit bringt.
 
Bernd Sommer von der Heilbronner Deutsch-Israelischen Gesellschaft hat das für mich auf den Punkt gebracht: „Terror (benötigt) realitätshaltige Anlässe nicht wirklich…. Ursache von Terror ist schlicht eine terroristische Gesinnung – ein pathologischer Todesfetischismus, der Werteordnung und Lebensstil der westlichen Zivilisationen hasst. In aller Klarheit kam dies durch das Statement eines Sprechers der Al Quaida nach den Anschlägen von Madrid 2004 zum Ausdruck: „Ihr liebt das Leben – wir lieben den Tod“. Derartige Haltungen sind für rationale politische Analyse nicht zugänglich, sondern am ehesten unter Zuhilfenahme der Erkenntnisse der Psychoanalyse zu interpretieren. Sigmund Freud hat das für die Analyse dieses Todesfetischismus Notwendige in seinem Werk ‚Das Unbehagen in der Kultur‘ dargelegt.“
 
Nötig also, dass wir zeigen, dass wir das Leben lieben – und für die Liebe leben…..
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Glaube braucht Schutz, weil niemand die Wahrheit besitzt

Je_suis_CharlieNiemand ist im Besitz der Wahrheit! Deshalb müssen Menschen es aushalten, dass andere anders sind und eine andere Meinung oder einen anderen Glauben haben. Das ist nicht nur eine Grundüberzeugung der westlichen Gesellschaften, sondern auch der Glaube des Apostels Paulus. Weil alle Menschen fehlbar und schutzbedürftig sind, soll keiner den anderen Glauben bekämpfen, sondern die Freiheit respektieren. Wer hier leben will, muss das akzeptieren.

Intoleranz nämlich verdient keinen Respekt und Freiheit endet da, wo anderen die Freiheit genommen wird. Deshalb hat der Staat selbstverständlich nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, wie die Kirche in ihrem Barmer Bekenntnis betont, mit angedrohter und notfalls auch ausgeübter Gewalt die Freiheit seiner Bürger zu schützen.

Danke deshalb allen Polizisten und Soldaten, die es uns ermöglichen, unseren Glauben in Freiheit zu leben! Sie machen Liebe und Frieden in unserer noch nicht erlösten Welt erst möglich.

Predigttext am Sonntag, 31. Juli 2016, ist Römerbrief 11, 25-32.

Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10:30 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Selfies – eine Predigt

Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (Lukas 18, 9-14)

Liebe Gemeinde,

Letztes Jahr war wieder einmal der Weltuntergang nahe. – Nein! Natürlich nicht. Ich sage das jetzt ironisch, aber damals empörten sich bestimmte Erwachsene, die meist selbst gar kein Smartphone hatten, über „Selfies“, also die Bilder, die man von sich selbst macht. Selfies seien Ausdruck von Selbstverliebtheit und von Narzissmus. Schlimm sei es, was die Jugend da macht! Sie schaut nur noch sich selbst an, findet nur sich selbst wichtig.

Narziss war jener Jüngling, in den sich eine schöne Frau verliebte. Da er diese Liebe aber verschmähte, sondern nur sich in seinem eigenen Spiegelbild bewunderte, straften ihn die Götter mit unstillbarer Selbstliebe. Das machen Selfies aus uns?

Keine Angst: Selfies haben mit Narzissmus nichts zu tun, sagen die Medienexperten, denn in der Regel werden sie beiläufig gemacht und die Personen darauf wissen, dass sie darauf selten vorteilhaft aussehen. Man ist halt irgendwo und möchte seine Bekannten daran teilhaben lassen, dass man jetzt vor dem Brandenburger Tor oder dem Louvre steht. Früher hat man deswegen eine Postkarte auf den Postweg gebracht, heute geht das sofort und man ist sogar noch selbst mit auf dem Bild.

Die Jugendlichen unterwandern das heute ironisch, indem man nicht mehr nur ein Foto macht, sondern das auf SnapChat sofort verzerrt, verziert und verunstaltet, bis es nur noch ein Witz ist.

Ich finde das gut, wenn man so humorvoll mit sich selbst umgehen kann.

Man will mit einem Selfie zeigen, dass man irgendwo ist, mit irgendwem zusammen ist, will sich an einen wichtigen Moment erinnern – und zugleich nimmt man das ganze nicht so sonderlich ernst, macht sich hässlich, witzig oder setzt sich hinter Gittern. Das finde ich gut: Sich selbst zu mögen und zu zeigen und zu sich zu stehen – und auf der anderen Seite sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Ob nun ein Fan von Ronaldo ein Foto von sich und seinem Star macht oder ein Flüchtling ein Selfie von sich mit der Bundeskanzlerin, das ist alles OK.Umgehauen hat es mich allerdings fast, als bei der Konfirmation einmal ein Konfirmand, als er zur Einsegnung aufstand, zunächst ein Bild von sich machte, bevor er vor zum Altar ging. Offenbar war die Konfirmation etwas besonders wichtiges für ihn.

Eine Sache würde mich allerdings noch von den Jugendlichen interessieren: Schaut ihr euch die Bilder von euch selbst hinter nochmal an, oder verschwinden die wie bei Snapchat gleich wieder?

Ich denke, Selbstporträts haben immer auch etwas mit Selbsterkenntnis zu tun. Die muss nicht immer vorteilhaft sein. Wenn ein Foto von mir anschaue, wir mir schnell klar, dass ich leider nicht wie George Clooney ausschaue. Und dennoch fühle ich mich ganz wohl in meiner Haut.

Das Bild, das man von sich selbst hat, muss also auch stimmen. Selbsterkenntnis ist ja immer der erste Weg zur Besserung.

Die Geschichte, die eingangs vorgelesen wurde, erzählt das ja auch. Während der Pharisäer überheblich wird, weil er sich besser vorkommt als der Sünder, erkennt der Zöllner, was er falsch gemacht hat.Diese Geschichte aus der Bibel haben sie vermutlich schon vorher gehört. Man blickt dann ja leicht auf den Pharisäer herunter, der so von sich eingenommen ist. Aber Vorsicht! In einem kleinen Gedicht schrieb Eugen Roth eine Fortsetzung:

Ein Mensch betrachtete einst näher / die Fabel von dem Pharisäer, / der Gott gedankt voll Heuchelei / dafür, dass er kein Zöllner sei. / Gottlob! rief (der Mensch) in eitlem Sinn, / dass ich kein Pharisäer bin!

So kann man es natürlich auch versuchen: Egal wie man es dreht und wendet, man steht immer als der Gute da. Andere sind – gottlob – noch schlechter als ich. Und dann merkt man gar nicht, wie dumm das ist, wenn man sich so viel besser als die anderen vorkommt.

Jesu Antwort dagegen heißt für mich: Schau dich selber an und urteile nicht über andere! Es ist sinnlos, deinen Selbstwert davon abhängig zu machen, ob du gut oder gar besser bist. Jeder macht immer wieder Fehler, versagt, ob er es will oder nicht. Es ist unmöglich, sich vor Gott zu beweisen. Das kann nur schiefgehen.

Und dann spürt man: Es tut mir gut, wenn andere gnädiger auf mich schauen, also ich auf sie. Menschliche Unvollkommenheit hat etwas Tröstliches in sich. Sie sagt: Wir brauchen einander.

Wir sind aufeinander angewiesen. Dann können wir zu uns stehen. Zu unseren Schwächen, zu unserer Schuld und zu unserer eigenen Bedürftigkeit.

Deswegen dürfen Selfies durchaus auch etwas vom Selbstbewusstsein zeigen. Wenn jemand seine Schwächen kennt, darf er, nein: sollte er, trotzdem zu sich stehen. Darf stolz auf sich sein und darf das auch dokumentieren, festhalten – einen Augenblick lang oder für die Ewigkeit.

In der Ferienzeit jetzt bekommen diese Selbstporträts ja noch zwei besondere Akzente,

die ich auch wichtig finde.

Zum einen dokumentieren sie auch die Orte, an denen wir waren. Natürlich kann man auch einfach nur die Sehenswürdigkeiten knipsen, den Strand auf Sardinien oder die Skiflugschanze in Oberstdorf. Aber wenn man da aber selbst mit drauf ist, sich selbst mit drauf geknipst hat, zeigt das mehr. Es sagt: Da warst Du schon! Das ist toll! Freue dich dran! Freue dich an dem schönen Leben! Freue dich an all den schönen Erlebnissen. Sei dankbar!

Und noch etwas zweites für die Sommerzeit und Urlaub oder Ausflüge: Die schönsten Selfies sind die, auf denen wir nicht alleine sind, auf denen mehrere Personen drauf sind. Solche Bilder sind meist lustig, weil es nicht einfach ist, sie zu machen: So, dass alle mit offenen Augen ins Objektiv blicken und lachen. Keiner soll traurig sein – und vor allem: keiner soll auf dem Bild fehlen.

Gott nun sieht keine Bilder von uns an, sondern er kann uns direkt ins Herz sehen. Er weiß, wer und wie wir im Innersten sind, wer und wie wir tatsächlich sind. Aber gute Selbstporträts auf denen wir lachen und mit anderen zusammen sind, geben uns vielleicht ein Ahnung davon, wie Gott uns sieht:

Als Menschen, die immer auf der Suche nach sich selbst, nach einem richtigen Bild von sich selbst sind.

Menschen, die sich freuen wollen und die spüren, das es Augenblick gibt, die wichtig sind.

Und Menschen, die auch angeschaut und beachtet werden wollen.

Gott schaut uns an, glaube ich, freudig und gnädig. Wir sind alle seine Kinder, an denen er Wohlgefallen hat.

Amen!

Die Predigt wurde am 24. Juli 2016 in der Matthäuskirche im Rahmen eines Familiengottesdienstes zum Thema „Selfies“ gehalten.

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