Welchen Wert hat das Leben?

alter Mann

Man sollte man nicht fragen, welchen Wert das eigene Leben hatte, sondern was man heute in ihm anfangen will. (Foto: iStock) 

„Bin ich es wert gewesen?“ – In einer ergreifenden Filmszene wankt der alt gewordene Soldat James Ryan über den Soldatenfriedhof in der Normandie, auf dem die Männer begraben sind, die 60 Jahre zuvor ausgeschickt wurden, ihn zu retten.

Worin bemisst sich der Wert unseres eigenen Lebens? An dem Guten, das wir getan haben? Am Glauben oder den Überzeugungen, die wir hatten? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass die Frage ein Fehler ist. Das Leben hat keinen Sinn, sondern ist der Sinn. Und sein Wert liegt nicht in einem Zweck, sondern darin, dass wir es leben, wie es ist: Uns gegeben, ohne dass wir es verdient hätten. Die Frage, welchen Wert das eigene Leben hat, kann einen deshalb schnell hinaus in die Finsternis treiben, wo Heulen und Zähneklappern herrscht, wie es im Predigttext des kommenden Sonntags heißt.

„Bitte sag mir, dass ich ein gutes Leben geführt habe!“ – Die Antwort im Film „Der Soldat James Ryan“ besteht nicht im beschwichtigenden Ja der Kinder, sondern im Blick über die Familie, die den alten Mann begleitet. Er hat das Richtige getan: Er hat sich auf das Leben eingelassen und dabei immer gewusst, dass das Leben kein Verdienst, sondern ein Geschenk ist. Deshalb sollte man nicht fragen, welchen Wert das eigene Leben hatte, sondern was man heute in ihm anfangen will.

Predigttext am Sonntag, 25. Juni 2017, ist Matthäus-Evangelium 22, 1-14.

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Theoretisch ja…….

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Glaube, der nicht Liebe ist, ist nichts wert. (Foto: iStock)

Theoretisch wäre ja alles gut. Theoretisch funktioniert alles gut: der Kapitalismus ebenso wie der Sozialismus (hat mir mal ein Volkswirtschaftsdozent gesagt), die Aristokratie (die „Herrschaft der Besten“) ist sogar – nach Platon – noch besser als die Demokratie. Auf dem Papier klingt vieles toll.

 

In der Wirklichkeit sieht es dann anders aus. Der Sozialismus ist ein historisch einmaliger Versager und der Kapitalismus muss durch die soziale Marktwirtschaft gezügelt werden. Und während die Aristokratie schon im Kern korrupt ist, steht die Demokratie immer in der Gefahr, in Populismus abzudriften, und ist deshalb zwar die beste Regierungsform, aber alles andere als vollkommen.

Im persönlichen Leben gilt das gleiche, wie in der Politik: Programme, Wünsche und Ideen sind nur etwas wert, wenn sie gelebt werden. Im Glauben gilt das auch: In den Dogmen findet sich das ewige Leben nicht, sondern nur im wirklichen Leben, wenn man es voll Glaube, Liebe und Hoffnung führt. Und eine Religion, die nicht zur Liebe wird, sondern auf Gewalt setzt und Überheblichkeit, ist nichts wert.

Predigttext am Sonntag, 18. Juni 2017, ist Johannes 5, 39-47

Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10:00 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim. (An diesem Sonntag allerdings zum Jahrestag der Augsburgischen Konfession über den Reformator Philipp Melanchthon aus Bretten)

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F statt PH

F

… die U-Bahn Linie in NYC heißt ja auch nicht „Ph-Train“

Es war eine gute Idee, vor einigen Jahren die deutsche Rechtschreibung zu reformieren. Leider blieb dies ziemlich inkonsequent. Das überflüssige „ß“ hätte man locker endlich loswerden können, aber so plagen wir uns heute noch am Computer damit herum, und die weltweit einmalige Großschreibung von Substantiven hat man auch beibehalten. Deutsch soll wohl nach einer besonderen Dichter-und-Denker-Sprache aussehen.

Interessant ist auch die Geschichte der Schreibweise Prophet, aus dem zunächst, völlig logisch, ein Profet werden sollte, wie auch aus der Phantasie die Fantasie wurde. Dem Protest dagegen gab man aber bald nach. Eine Zeit lang waren beide Schreibweisen möglich, nun aber gibt es laut Duden den Mann Gottes nur noch mit „ph“, während die Fantasie ihre gebildet daherkommende Ph-Schwester als „alternative Schreibweise“ dulden muss, die allerdings nicht empfohlen wird.

Meine Empfehlung hätte aber auch im anderen Fall gelautet, auf die neue normale Schreibweise „Profet“ zu bestehen. Die Bibel schildert die Gottesmänner wie Amos oder Jesaja nämlich als ganz normale Menschen, die zwar einen besonderen Auftrag spüren, aber genauso fehlbar und schwach wie wir alle sind. Und umgekehrt kann jeder zum Profeten werden – wenn er zum Beispiel die Liebe Gottes verkündet, indem er sich gegen Nazi-Sprüche bei einer Feier wehrt, wenn sie trotz schlechter Schulnoten des Sohnes dabei bleibt, dass dies nicht das Wichtigste im Leben ist, wenn jemand Gutes sagt und tut, als sei es selbstverständlich, so selbstverständlich, wie aus dem ph ein f wurde.

Predigttext am Sonntag, 11. Juni 2017, ist Jesaja 6, 1-13.

Pfarrer Treiber predigt sonntags im 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Einmal auf den Turm zu Babel steigen!

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Bild: Public Domain (wikiCommons)

Einmal auf den Turm zu Babel steigen! Der amerikanische Autor Ted Chiang (von dem die Vorlage des aktuell SciFi-Films „Arrival“ stammt) hat dies vor einige Jahren in einer fulminanten Kurzgeschichte beschrieben. Immer hinauf geht es mit Unmengen von Material, bis es sich ab einer gewissen Höhe nicht mehr lohnt, noch hinabzusteigen: Man lebt in dem Turm und steigt und baut immer weiter.

Am Ende – soviel sei verraten – landet man wie bei allen großen Lebenserfahrungen bei sich selbst. Der Turm zu Babel als Möglichkeit, in den Himmel zu kommen, ist eine Illusion. Er besteht nämlich – so verstehe ich das – nur aus all dem, von dem wir denken, dass es Bedeutung hat. Dabei haben doch nur wir selbst und unsere Lieben Bedeutung! Alles andere ist nur Mittel.

Witzig: Der Mythos vom Turmbau zu Babel macht mir im Augenblick klar, dass ich mit diesem Beitrag selbst offenbar in einer Sackgasse stecke, wie die Erbauer des Turms. Es geht zwar immer höher, aber man kommt nicht wirklich in weiter. Und bevor ich jetzt noch weiter schreibe: Kommen Sie doch am Pfingstmontag in die Kirche und hören Sie, was daraus geworden ist. 🙂

Predigttext am Pfingstmontag, 5. Juni 2017, ist 1.Mose 11, 1-9.

Pfarrer Treiber predigt jeden Sonntag um 10:00 Uhr in der Matthäuskirche in Heilbronn-Sontheim.

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Quirlige Konfirmanden

Children Playing

Hoffentlich können sich die Kinder ihre Unbekümmertheit auch als Jugendliche bewahren. (Foto: iStock)

Konfirmandenunterricht halte ich als Pfarrer besonders gerne. Die 13jährigen sind in vielem schon richtige Jugendliche, aber so manche kindliche Direktheit haben sie noch in sich. Das ist erfrischend, wie die Konfirmandin, die vor ein paar Jahren plötzlich mitten in der Stunde ausrief: „Mir geht’s gut!“ So etwas finde ich einfach toll! Aus anderen sprudeln auch ununterbrochen Worte heraus, die zwar nicht immer zum Thema gehören, aber von einer letztlich doch unbekümmerten Lebendigkeit erzählen. „Ströme lebendigen Wassers“ werden aus uns fließen, verheißt die Bibel. Schön, wenn dieses Sprudeln auch andere lebendig macht.

Für andere Jugendliche gilt wohl eher der Satz von den stillen Wassern. Schweigsam und aktiv wenig beteiligt verfolgen sie den Unterricht und den Übermut der anderen. Dennoch sollte man auch die Lebendigkeit dieser „stillen Wasser“ nicht unterschätzen. Schon manch schweigsamer Konfirmand ist beim Krippenspiel als Pontius Pilatus zur Höchstform aufgelaufen.

Gestern war wieder einmal Konfirmation, meine dreiunddreißiste als Pfarrer. Und immer noch freut es mich, zu sehen, wie aus quirligen Kindern selbstbewusste Jugendliche – und eine Herausforderung für uns Erwachsene – werden.

Predigttext am Sonntag, 28. Mai 2017, ist Johannes-Evangelium 7, 37-39.

Pfarrer Treiber predigt jeden Sonntag um 10:00 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim

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Selber machen!

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(Screenshot MacOS Karten-App)

Das Smartphone hat schon manchen Ehekrach verhindert. Wenn man heute sein Ziel nicht findet, das empfohlene Café in einer fremden Stadt, dann öffnet man eben die Karten-App und sagt Siri, was man sucht. Vor Jahren war das noch anders. Da kreuzte das Ehepaar Runde um Runde durch die verkehrsberuhigte Zone, mal hier mal da. „Das muss doch hier irgendwo sein,“ schimpfte er mehrfach, bis er endlich ihrem Drängen nachgab und mal rechts an einer Bushaltestelle hielt. – Männer fragen nämlich sehr ungern nach dem Weg, sagt man.

Gleichgültig, ob die Geschlechterklischees stimmen: Es gibt einfach Leute, die ungern um Hilfe bitten. Das lässt einen schwach erscheinen. Hat man doch nicht nötig. Das kann ich selber!

Beim Fünfjährigen, der seine Schuhe selbst binden möchte, ist das „selber machen“ eine tolle Sache; beim Fünfzigjährigen, der glaubt, er muss alles alleine machen, eher problematisch. Bei manchen Dingen ist es besser, sich helfen zu lassen, wenn einem etwas auf der Seele liegt zum Beispiel, wenn man spürt, man dreht sich nur noch um sich selbst, wenn man merkt, dass man an der Grenze seine Belastbarkeit angekommen ist. „Bittet, so wird euch gegeben!“ sagt Jesus. Und wenn es manchmal auch nur der Hinweis auf den richtigen Weg ist – der auf der Straße und der im Leben.

Predigttext am Sonntag, 21. Mai 2017, ist Lukas-Evangelium Kapitel 11, Verse 5 bis 13.

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Wie die Kinder

Children Playing

Wie Kinder werden und Gott loben – so sollen wir leben. (Foto: iStock)

Kinder gehen immer, heißt es in der Medienbranche; sprich: mit Kindern kann man gefühlsbetonte Werbung machen und einem Politiker, der ein Baby von der Mutter in die Hand gedrückt bekommt, muss man doch einfach vertrauen. Kinder wecken die besten Gefühle, gelten als unschuldig und lebendig – vielleicht wären wir Älteren gerne auch noch so.

Wie Kinder sollen wir werden, hat Jesus einmal gesagt, nicht kindisch natürlich, sondern kindlich. Das täte mir sicher gut: Nicht immer gleich die Folgen bedenken, nicht immer gleich den anderen ein- und abschätzen, ob er einem gut oder abweisend gestimmt ist, tun, was man gerade für richtig hält. Enttäuschend finde ich es, wenn Erwachsene diese Quirlligkeit nicht schätzen können, sondern sich gestört fühlen wie die Nachbarn eines Kindergartens (nicht in Heilbronn), die gegen die Lärmbelästigung vom Spielplatz dort klagten.

„Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet.“ heißt es in der Predigt am nächsten Sonntag. Offenbar haben Kinder uns etwas voraus. Sie haben den Sinn des Lebens erkannt. „Der Sinn des Lebens ist leben,“ hat der deutsch-amerikanische Rapper Casper gesungen. Leben hat keinen Zweck, sondern nur einen Inhalt: Sich von Gott geliebt und getragen zu wissen, jeden Tag – und diese Liebe dann auch zu leben und weiterzugeben.

Predigttext am Sonntag, 14. Mai 2017, ist Matthäusevangelium 21, 14-22.

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